Der Rücken: Was ihn im Pflegeberuf belastet und was hilft

Der Pflegeberuf ist körperlich und psychisch besonders anstrengend. Das spüren viele Kranken- und Altenpfleger im Rücken. Doch durch rückengerechtes Arbeiten lassen sich die Rückenbelastungen in der Pflege mess- und spürbar reduzieren. Mit einer ganzheitlichen Herangehensweise können Pflegekräfte Rückenschmerzen vorbeugen oder in den Griff bekommen. Ein Beitrag von Anke Nolte.

 

Einen Menschen im Bett aufsetzen, von der Bettkante umsetzen in einen Rollstuhl, in die Badewanne hinein- und wieder hinausheben: In der Pflege gehört das Bewegen und Lagern von Patienten und Bewohnern zum Berufsalltag dazu – tagtäglich viele Male. „Der Transfer von Patienten umfasst Tätigkeiten, die zu einer hohen Belastung des Rückens und vor allem der Lendenwirbelsäule führen können“, sagt Dr. Felix Söller, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin in München.

 

Im Vergleich zu anderen Berufen treten körperliche Belastungen – wie Arbeiten im Stehen oder das Heben und Tragen schwerer Lasten – in Pflegeberufen deutlich häufiger auf, wie eine Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt. Mehr als die Hälfte der knapp 1.000 befragten Alten- und Krankenpfleger/-innen berichten von drei und mehr Muskel-Skelett-Beschwerden, jedoch nur ein Drittel der anderen Erwerbstätigen. Laut dem TK-Gesundheitsreport 2019 waren Muskel-Skelett-Erkrankungen der häufigste Krankschreibungsgrund für Pflegebeschäftigte.

 

Hauruck-Verfahren statt rückengerechter Technik

Tatsächlich liegen die Belastungen auf die Bandscheiben der unteren Wirbelsäule beim Bewegen, Verlagern und Umsetzen von Pflegebedürftigen weit über den wissenschaftlichen Empfehlungen. Das offenbaren Messungen des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, die die Forscher im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erhoben haben. „Insbesondere, wenn man sich bückt und sich dabei vielleicht noch verdreht, ist der Druck auf den Bandscheiben enorm“, betont Dr. Söller. „Das ist, wie wenn Sie beim Autofahren mit den Reifen gegen den Bordstein fahren.“

 

Ungünstige Körperhaltungen, falsche Techniken, Arbeiten ohne Hilfsmittel, das ist oft die Realität im Pflegealltag. „Es passiert schon häufig, dass Pflegekräfte ‚mal eben schnell‘ zum Beispiel den Patienten lagern möchten, und dabei nicht auf die richtige Arbeitshöhe des Bettes oder eine rückengerechte Technik achten“, berichtet Uta Brückmann, Pflegedienstleitung im Seniorenzentrum Haus Miriam der Keppler-Stiftung in Waiblingen. „Wenn das eine Pflegekraft zehnmal am Tag fünf Tage die Woche so macht, dann summiert sich das.“

 

Auch psychische Belastungen gehen auf den Rücken

Doch es wäre zu einseitig, würde man die Rückenprobleme in der Pflege nur auf körperliche Belastungen und falsches Heben und Tragen zurückführen. „Die psychosomatische Komponente ist bei Rückenproblemen besonders deutlich“, betont der Orthopäde Dr. Söller. Beruflicher Stress, Zeitdruck, ungünstige Arbeitsbedingungen und eine schlechte Arbeitsatmosphäre sowie natürlich auch private Probleme können zu Rückenschmerzen führen. „Die seelische Verspannung sorgt für eine körperliche Verspannung“, sagt Söller. Dass auch die psychischen Arbeitsanforderungen bei beruflich Pflegenden besonders hoch sind, ist ein weiteres Ergebnis der BAuA-Befragung: Kranken- und Altenpfleger/-innen fühlen sich fast doppelt so häufig wie andere Erwerbstätige überfordert. Zudem berichten sie, dass der Stress in den letzten zwei Jahren zugenommen habe. „Der Pflegeberuf ist anstrengender geworden, weil zu wenig Pflegefachkräfte immer mehr Patienten und Bewohner pflegen, die älter, kränker und immobiler werden“, so Söller.

 

Rückengesund arbeiten und leben

Doch Rückenprobleme in der Pflege sind kein unabänderliches Schicksal. „Wichtig ist ein rückengerechtes Arbeiten, das bedeutet: Hilfsmittel nutzen und die richtigen Techniken mittels zum Beispiel Rückenschule und Kinästhetik erlernen und auch beherzigen“, betont Pflegedienstleiterin Brückmann von der Keppler-Stiftung, wo die Anschaffung und Anwendung von Hilfsmitteln sowie regelmäßige Schulungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst genommen werden. „Die Probleme der Mitarbeiter im Muskel-Skelett-Bereich sind deutlich zurückgegangen“, berichtet Brückmann. Die Messungen des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund in Zusammenarbeit mit der BGW zeigen, dass sich durch die Kombination von Hilfsmitteln und optimierter Arbeitsweise der Druck auf die Lendenwirbelsäule um bis zu zwei Drittel reduziert.

 

Auch privat gilt es, rückengesund zu leben, etwa für Entspannung zu sorgen und für regelmäßiges Rückentraining. „Dafür muss man nicht ins Fitnessstudio gehen“, betont Orthopäde Dr. Söller. „Es reicht ein tägliches unkompliziertes Programm von etwa 10 bis 20 Minuten, das Kraft und Beweglichkeit fördert.“ Der Erfolg ist oft schnell spürbar: „Man merkt in der Regel schnell, dass die Rückenprobleme abnehmen und man sich einfach wohler fühlt.“

 

 

Das belastet den Rücken

  • Nicht rückengerechtes Arbeiten: Ungünstige Körperhaltungen, falsche Techniken, Verzicht auf Hilfsmittel
  • Untrainierter Allgemeinzustand und fehlender Ausgleich in der Freizeit (s. Teil III: Den Rücken stärken, Die Faszien trainieren)
  • Psychische Belastungen und Stress, am Arbeitsplatz oder zu Hause (s. Teil II: Für sich selber sorgen, Teil III: Sich entspannen, Teil IV: Die Zeit im Griff, Die Psyche entlasten)

Außerdem:

  • Übergewicht (s. Teil III: Sich gesund ernähren)
  • Rauchen (s. Teil III: Gewohnheiten ändern)

 

 

Das tut dem Rücken gut

  • Eigene Grenzen erkennen und Grenzen setzen
  • Hilfsmittel nutzen (technische und kleine Hilfsmittel)
  • Arbeitsweise optimieren (Körperhaltungen, Kinästhetik, Rückenschule, Arbeitshöhe beachten)
  • Immer wieder üben und Schulungen besuchen
  • Für Rückentraining und Ausgleich in der Freizeit sorgen

 

 

 

Weitere Informationen:

  • Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege: bgw-online.de > Gesund im Betrieb > Gesunder Rücken (Angebote: Viele Informationen, Rückensprechstunde, BGW-Rückenkolleg, Arbeitsplatzbegleitung, Refresher-Kurs)
  • BGW-Broschüre: Starker Rücken – Ganzheitlich vorbeugen, gesund bleiben in Pflegeberufen, zu bestellen auf: bgw-online.de, Telefon 040 20207-0
  • Dr. Felix Söller, Ellen Warstat: Rücken ohne Schmerz. Die besten Tipps zur schnellen Selbsthilfe. Hannover: Humboldt, 2019.

 

Quellen:

 

 

Stand: 01/2021