Sich gemeinsam bewegen: Kinästhetik

Kinästhetik reduziert nachweislich die Belastungen für den Rücken und ist damit ein wichtiger Baustein für rückengerechtes Arbeiten in der Pflege. In Kombination mit kleinen Hilfsmitteln sind die entlastenden Effekte der Kinästhetik noch deutlicher. Möglichst viele Mitarbeitende sollten geschult und die Kenntnisse immer wieder aufgefrischt werden. Ein Beitrag von Anke Nolte.

 

Es sieht so leicht und geschmeidig aus: Die Kinästhetik-Trainerin hilft einem pflegebedürftigen alten Herrn dabei, sich vom Rollstuhl zu erheben und aufs Bett zu setzen. Sie richten sich dabei zusammen auf und drehen sich gemeinsam, dicht beieinander, Richtung Bett. Eine langsame, fließende Bewegung.

 

Möglichst ohne Muskelkraft

„Bei der Kinästhetik kommt es darauf an, sich mit dem Patienten oder Bewohner gemeinsam zu bewegen – mit möglichst geringem Kraftaufwand“, berichtet Angelika Ammann, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld. Die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin unterrichtet rückengerechtes Arbeiten für professionell Pflegende und pflegende Angehörige und ist Autorin des Buches „Rückengerechtes Arbeiten in der Pflege“, erschienen in der Schlüterschen Verlagsgesellschaft. „Dabei nutzt die Pflegefachkraft die Ressourcen und körperliche Anpassungsfähigkeit, über die die pflegebedürftige Person noch verfügt.“

 

Kinästhetik, englisch Kinaesthetics, bezeichnet die „Lehre von der Bewegungsempfindung“ und ist in den 70er Jahren in den USA entstanden. Begründer sind Frank Hatch und Lenny Maietta. Hatch hat eine Tanzausbildung absolviert und Verhaltenskybernetik studiert, ein Fach, das sich mit Bewegungsanalysen und Lernprozessen beschäftigt. Mit der Psychologin und Lebensgefährtin Maietta teilte er sein Interesse für natürliche, geschmeidige Bewegung und für Bewegungskommunikation. Basis der Kinästhetik ist eine achtsame Wahrnehmung der eigenen Bewegung und der des anderen, damit ein lebendiger Bewegungsdialog entstehen kann. „Die Pflegebedürftigen werden beim kinästhetischen Arbeiten nicht passiv hochgezogen oder irgendwohin gewuchtet, also nicht bewegt wie ein starres Objekt“, betont Ammann.

 

Forschungsergebnisse: Entlastung der Lendenwirbelsäule

Ein kräfteschonendes Bewegungsverhalten kann die Belastungen für den Rücken erheblich reduzieren. Das zeigen Forschungsergebnisse des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, die im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erhoben wurden. So sinkt die Druckbelastung auf die Lendenwirbelsäule, wenn eine Pflegerin, ein Pfleger mit weniger Kraftaufwand als mit herkömmlicher Methode einen Menschen von der Bettkante auf den Stuhl umsetzt oder im Bett höher lagert. Verwendet die Pflegefachkraft noch zusätzlich kleine Hilfsmittel, sinkt die Belastung noch mehr. Zur Entlastung der Lendenwirbelsäule kommen noch andere positive Wirkungen: „Kinästhetik schult zudem die Körperwahrnehmung und reduziert die Spannung im Körper – alles Effekte, die sich positiv auf den Rücken auswirken“, ergänzt die Gesundheitswissenschaftlerin Ammann.

 

Weniger Schmerzen, mehr Eigenständigkeit bei den Pflegebedürftigen

Nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern, in der ambulanten und stationären Pflege können von dem Konzept der Kinästhetik profitieren, sondern auch die Bewohner und Patienten. Studien zeigen, dass sie mit Kinästhetik weniger Schmerzen haben, sich die Liegedauer im Krankenhaus verkürzen kann und sich funktionale Fähigkeiten verbessern können, sodass Kinästhetik zu mehr Eigenständigkeit beiträgt.

 

Regelmäßige Schulung aller Mitarbeiter

Das Konzept der Kinästhetik ist zwar inzwischen in allen Gesundheitseinrichtungen bekannt, doch längst noch nicht überall etabliert. „Ich sehe es immer wieder, dass zum Beispiel zwei Pflegekräfte dem Patienten unter die Achseln greifen und ihn im Hauruck-Verfahren hochzerren“, berichtet Ammann. Oft ist nur eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter eines Bereiches oder eines Hauses in Kinästhetik geschult, sodass sich das Konzept nur schwer durchsetzen kann. Auch reiche eine einmalige Ausbildung nicht, betont Ammann. „Kinästhetik erfordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung, damit die Pflegefachkräfte das Konzept verinnerlichen können.“

 

Tipps für kräfteschonende Transfers und Positionswechsel

  • Versuchen Sie, nicht mit Schwung oder im „Hauruck-Verfahren“ vorzugehen. Arbeiten Sie eher mit Bewegungsimpulsen: also mit leichten Berührungen in die Richtung weisen, in die sich der Patient bewegen soll.
  • Achten Sie darauf, was der Pflegebedürftige noch selber kann. Geben Sie ihm eindeutige Anweisungen und lassen Sie ihm Zeit, dem zu folgen.
  • Nehmen Sie sich selber Zeit für den Bewegungsablauf. Seien Sie so langsam, dass Sie den Ablauf jederzeit unterbrechen können. Nur in einer gewissen Ruhe können Sie Ihren eigenen Körper und den des anderen spüren.
  • Bewegen Sie sich zusammen mit dem anderen in kleinen Zwischenschritten, machen Sie nicht alles gleichzeitig. Lösen Sie dazwischen eventuelle Anspannungen. Vermeiden Sie vor allem gleichzeitiges Drehen und Beugen!
  • Bewegen Sie einzelne Körperteile des anderen nacheinander (etwa Kopf, Arme, Brustkorb, Becken, Beine).
  • Wenn Sie einen körperlichen Widerstand des/der Pflegebedürftigen spüren, gehen Sie nicht dagegen. Legen Sie eine Pause ein und schauen Sie, was geht.
  • Kommen Sie dicht an den anderen heran, suchen Sie engen Körperkontakt.
  • Nutzen Sie zusätzlich konsequent technische und kleine Hilfsmittel, um zu vermeiden, dass Sie mit Kraft heben, tragen, ziehen oder schieben.

 

Weitere Informationen:

 

Quellen:

  • Angelika Ammann: Rückengerechtes Arbeiten in der Pflege. Leitfaden für gesundheitsfördernde Transfertechniken. Schlütersche Verlagsgesellschaft, 4. überarbeitete Auflage 2013.

 

  • Asmussen-Clausen, Maren; Huth, Martina: Bewegung im Pflegealltag fördern. In: Die Schwester Der Pfleger 11/2017.
  • Broschüre BGWforschung: Prävention von Rückenbeschwerden. Herausgegeben vom Arbeitskreis Muskel-Skelett-Erkrankungen und von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Zu bestellen auf: bgw-online.de.
  • Burka, Martin; Püttjer, Anke: Im Einklang mit dem Patienten. In: Die Schwester Der Pfleger 5/2019.

Stand: 01/2021