„Starke Muskeln schützen den Rücken“

Der Rücken von Pflegekräften ist vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Dabei sind bestimmte Stellen besonders anfällig für Beschwerden. Wie man Rückenschmerzen in der Pflege vorbeugen und sich selbst bei Beschwerden helfen kann, erklärt Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Joachim Grifka, Direktor der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg. Das Interview führte Ute Wegner, Medizinjournalistin in Berlin.

 

Ist die Wirbelsäule wirklich eine „Säule“?

Die Wirbelsäule ist unser Rückgrat, Stütze oder Achse, aber sie ist keine Säule im klassischen Sinn, denn sie ist ja sehr beweglich. Wir können uns zum Beispiel neigen und gleichzeitig drehen. Das haben wir der Hals- und Lendenwirbelsäule zu verdanken. Die einzelnen Wirbelkörper entlang der Wirbelsäule sind durch kleine Gelenke beweglich miteinander verbunden. Sie können rotieren und sich gegeneinander neigen. Von der Seite betrachtet ist die Wirbelsäule s-förmig geschwungen. So ist sie Im Hals- und Lendenbereich nach vorne gekrümmt, im Brust- und Sakralbereich nach hinten. Diese Anatomie ist wichtig, um aufrecht gehen und Belastungen abfedern zu können.

 

Warum sind bestimmte Bereiche im Rücken so anfällig für Belastungen?

Wir alle zahlen unseren Tribut an den aufrechten Gang. Es gibt zum einen so genannte „Wetterwinkel“, die sehr empfindlich auf Belastungen reagieren. Das sind die Übergänge von beweglichen zu starren Anteilen der Wirbelsäule, besonders zwischen Hals- und Brustwirbelsäule sowie Kreuzbein und Lendenwirbelsäule. Diese Bereiche werden durch mechanische Belastung stärker strapaziert und häufig abgenutzt. Sehr anfällig sind zum anderen die Bandscheiben, die zwischen den Wirbelkörpern liegen und beweglich sein und zugleich bei Belastungen als Stoßdämpfer fungieren müssen. Eine Bandscheibe besteht bei jungen Menschen und noch im mittleren Alter zum größten Teil innen aus einem Gallertanteil, der von einem Faserring umgeben ist. Mit fortschreitendem Alter sinkt die Elastizität der Bandscheibe, der Faserring bekommt kleine Risse. Bei zu starker Belastung kann sich der innere Teil infolgedessen nach außen vorwölben oder sogar durchbrechen. Das ist dann ein Bandscheibenvorfall.

 

Inwiefern wirkt sich die äußere Haltung auf die Wirbelsäule aus?

Um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig zu wissen, was unsere Wirbelsäule hält: Bänder geben ihr passiven Halt, Muskeln stabilisieren sie aktiv. Damit die Wirbelsäule in der geschwungenen S-Form stabil bleibt, ist das Muskelkorsett am wichtigsten. Es wird von den Nackenmuskeln gebildet, den Rumpfstreckern, den Bauch- und Gesäßmuskeln. Die über den gesamten Rumpf quer verlaufenden Muskeln verzurren den Rumpf und stabilisieren zusätzlich. Das macht deutlich, wie wichtig eine gute und starke Muskulatur für den Rücken ist.

Nun ist es so, dass es bei jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägt zu Haltungsschwächen kommt. Wenn zum Beispiel im Laufe des Tages die Kraft der Muskulatur ermüdet, wird die Haltung schlaff. Der Körper sackt in sich zusammen. Die Wölbungen der Wirbelsäule nehmen zu, der Bauch tritt weiter hervor, die Schultern hängen nach vorne und ein Rundrücken wird deutlich. Das kann man durch eine aktive Muskelanspannung sofort ausgleichen. Vorausgesetzt, Bauch- und Rückenmuskulatur sind stark genug. Starke Muskeln schützen den Rücken.

 

Dazu kommt aber auch die innere Haltung, oder? Psychische Belastungen, Stress und Überforderung „tragen viele auf ihrem Rücken“.

Das ist nicht immer so offensichtlich. Ist jemand deprimiert, lässt er eher die Schultern hängen. Man sagt ja auch, „jemand lässt sich hängen“. Das kann im übertragenen Sinne auf den Rücken angewendet werden. Es fehlt dann die innere Muskelspannung, um aufrecht zu sein. Umgekehrt aber hat emotionaler Stress übermäßige Muskelverspannungen zur Folge. Gerade im Pflegebereich kommt es immer wieder zu Situationen, die einen mitnehmen. Das ist auch bei aller Professionalität völlig normal. Ist jedoch eine anhaltend seelische Belastung (Mit-)Verursacher der Rückenschmerzen, ist es ratsam, eine psychotherapeutische Behandlung ins Auge zu fassen.

 

Welche Folgen kann insbesondere die Rückenbelastung für Pflegekräfte haben?

Das Vorbeugen des Oberkörpers beim Heben und Tragen in der Pflege belastet die Lendenwirbelsäule, ebenso Bewegungen, bei denen man sich verdreht und vermehrtes Stehen im Hohlkreuz. Dabei kommt es schleichend zu frühzeitigen degenerativen Veränderungen der kleinen Wirbelgelenke, aber auch zu Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfällen der Bandscheiben. Relativ häufig ist ein sogenanntes lokales Lumbalsyndrom, auch als „Hexenschuss“ bekannt. Die plötzlich auftretenden Schmerzen können schon bei der kleinsten Bewegung in der Lendenwirbelsäule heftig sein und bis in die Beine ausstrahlen. Wichtig zu wissen, ist: Schmerzen sind Alarmzeichen, auf die wir reagieren müssen. Leider übergehen wir sie oft, versuchen, mit Schmerzmitteln zurecht zu kommen. Die Gefahr jedoch ist, dass die Rückenschmerzen chronisch werden, wenn sie über Wochen oder sogar Monate bestehen. Das bedarf dann einer speziellen Therapie.

 

Wie kann man verhindern, dass Rückenschmerzen in der Pflege chronisch werden? Welche Tipps haben Sie zur Selbstbehandlung?

Hausmittel Nummer „Eins“ gegen Muskelverspannungen ist Wärme, um eine bessere Durchblutung und Lockerung des Gewebes zu erzielen. Geeignet sind zum Beispiel Wärmepflaster, Wärmeflasche oder auch ein heißes Bad, um wieder beweglicher zu werden. Dann kann man mit moderaten, leichten Übungen beginnen. Bei massiven Muskelverhärtungen sind Fangopackungen ratsam oder eine Wärmebestrahlung wie etwa mit Rotlicht oder Infrarot. Bei vielen Schmerzzuständen hat sich die Elektrotherapie bewährt, die der Orthopäde bei Bedarf verschreiben kann. Sie dient ebenfalls dazu, die Muskulatur zu entspannen, besser zu durchbluten und zu erwärmen. Je nach Strahlenlänge und Frequenz gehen sie gut in die Tiefe. Das ist nützlich, um beispielsweise die Wirkstoffe von Salben besser ins Gewebe einzubringen.

 

Wann sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden?

Sind die Rückenschmerzen mit Wärmebehandlung zuhause nicht nach einigen Tagen deutlich besser, sollte man einen Arzt aufsuchen. Alarmzeichen jedoch sind, wenn sich der Schmerz wie ein schmales Band zum Beispiel am Bein an der Außenseite entlangzieht, die Muskeln schwach sind, dass man beispielsweise die Knie nicht strecken, den Fuß nicht heben oder nicht auf Zehenspitzen stehen kann. Dann dürfen Betroffene nicht warten, sondern sollten sofort einen Arzt konsultieren.

Ein Punkt ist mir noch wichtig: Ich warne davor, sich allein auf die Befunde der Kernspintomographie zu verlassen. Hier werden Bandscheibenvorwölbungen allzu schnell zu -vorfällen erklärt. Eine Operation sollte wohl überlegt sein. Denn wir behandeln den Schmerz, und nicht allein den Kernspin-Befund. So hat ein Programm der Techniker Krankenkasse vor Kurzem gezeigt, dass in Deutschland acht von zehn Rücken-Operationen unnötig sind. Deswegen ist Vorsicht angesagt, wenn zur OP geraten wird, und die oder der Betroffene sollte eine Zweitmeinung zum Beispiel in einem spezialisierten Rückenzentrum einholen. Mit einer gezielten Therapie können rund 80 Prozent der Operationen im Bereich der Wirbelsäulen vermieden werden!

 

Können Pfleger/innen Rückenschmerzen vorbeugen und wenn ja, wie? Was empfehlen Sie ihnen für einen gesunden Rücken?

 

Menschen in Pflegeberufen sollten auf rückengerechtes Arbeiten in der Pflege achten. Dabei sind die Regeln der Rückenschule zu beachten: Bandscheibenfreundliche Sportarten wie zum Beispiel Rückenschwimmen, Walken, Tanzen, Aerobic, Skilanglauf oder auch Basketball als Ausgleich betreiben, den Rücken gerade halten, in die Hocke gehen, statt sich zu bücken, keine schweren Gegenstände heben, Lasten verteilen und dicht am Körper halten, übermäßige Bewegungen in der Lendenwirbelsäule und ein Hohlkreuz vermeiden. Da die Pflege ein typischer Mischarbeitsplatz ist, wo man auch häufig am PC sitzt, ist auch das richtige Sitzen wichtig. Günstig ist es, wenn die Rückenlehne des Schreibtischstuhls schräg gestellt ist und der Oberkörper komplett angelehnt werden kann. Das entlastet den Rücken. Mittlerweile gibt es Bürostühle mit beweglicher Sitzfläche. Das ist sehr gut, weil es einer monotonen Sitzbelastung entgegenwirkt. Man sollte aber auch einfach mal „lümmeln“. Das entlastet den Rücken ebenfalls. Zu guter Letzt: Ein tägliches Training der Rumpfmuskeln – das sind im Wesentlichen die Bauchmuskeln, Schulterblattmuskeln, Gesäßmuskeln – gehört ebenfalls zur Rückenschule. Zehn Minuten, am besten gleich morgens immer zur gleichen Zeit. Diese Regeln sollten in Fleisch und Blut übergehen.

 

Aufbau der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln, fünf Lendenwirbeln, dem Kreuz- und dem Steißbein. Die beiden letzteren sind miteinander verschmolzen. Im Wirbelkanal der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule befindet sich im vorderen Bereich jeweils eine Bandscheibe. Im hinteren Bereich sind die Wirbelkörper durch zwei Wirbelbogengelenke nach oben und unten beweglich miteinander verbunden. Zudem gibt es im Rückenbereich rund 200 Muskeln und diverse Bänder, die den Rücken halten und stabilisieren. Zwischen den Wirbeln verläuft das Rückenmark. Seitlich der einzelnen Wirbel treten die Rückenmarksnerven aus, die die verschiedenen Rückenabschnitte und die dazugehörigen Organe versorgen.

 

Stand: 01/2021

Prof. Joachim Grifka ist Autor des Buches „Rücken – Beschwerden wirksam begegnen: Ursachen, Therapie, Training, erschienen im Zuckschwerdt Verlag GmbH München, 2020